Auf den ersten Blick scheinen Angst und Mut Gegensätze zu sein. Entweder wir fürchten uns – oder wir sind mutig. Doch ganz so einfach ist es nicht.
Vermutlich kennen wir alle Situationen, in denen wir etwas erreichen wollen, aber gleichzeitig Angst davor haben. Wir müssen eine Entscheidung treffen, obwohl wir nicht wissen, ob sie richtig ist. Wir beginnen etwas Neues und lassen Vertrautes hinter uns. Wir schlagen einen neuen Weg ein, ohne zu wissen, wohin er uns führen wird.
Genau mit diesem Spannungsfeld beschäftigt sich Osho in seinem Buch „Mut“. Dabei geht es nicht darum, Ängste möglichst schnell loszuwerden. Für Osho gehört die Unsicherheit zum Leben dazu, und Mut zeigt sich gerade darin, wie wir ihr begegnen.
Mutig zu sein bedeutet für Osho nicht, angstfrei durchs Leben zu gehen. Denn wer mutig ist und etwas wagt, kann nicht gleichzeitig die Sicherheit haben, wie es ausgehen wird.
Damit verändert sich auch der Blick auf die Angst. Sie muss nicht erst verschwinden, bevor wir handeln können. Wir können sie wahrnehmen und uns trotzdem dafür entscheiden, einen Schritt ins Unbekannte zu machen.
Osho bringt diesen Gedanken im Buch auf den Punkt:
„Angst bedeutet nur eins: das, was man kennt, verlieren und ins Unbekannte hinauszutreten. Mut ist das Gegenteil von Angst.“
Sobald wir Vertrautes verlassen, verlieren wir ein Stück Sicherheit, und das macht uns Angst. Doch das, was wir verlieren, ist Osho zufolge nur eine Schein-Sicherheit:
„Tatsächlich fühlen sich nur Dummköpfe sicher. Ein wirklich lebendiger Mensch fühlt sich immer unsicher. Was für eine Sicherheit kann es schon geben?“
Für Osho ist das Leben ein unvorhersehbares Geheimnis, und damit kann es nicht sicher sein.
Häufig versuchen wir, Sicherheit im Außen herzustellen. Wir planen, wägen ab, suchen nach Antworten und möchten möglichst vorher wissen, was passieren wird.
Nur leider hält sich das Leben selten an unsere Pläne.
Osho erzählt dazu eine kleine Zen-Geschichte: Ein Junge wird von der unerwarteten Antwort eines anderen Jungen völlig aus dem Konzept gebracht und fühlt sich beschämt. Daher möchte er sich auf die nächste Begegnung mit ihm besonders gut vorbereiten und legt sich bereits eine passende Antwort zurecht.
Doch als die Situation dann tatsächlich eintritt, antwortet der andere Junge völlig anders als erwartet – die sorgfältig vorbereitete und auswendig gelernte Antwort ist plötzlich nutzlos.
Diese humorvolle Geschichte will uns etwas über das Leben lehren: Wir können uns nicht auf alles vorbereiten und nicht für jede Situation eine vorgefertigte Antwort parat haben.
Für Osho liegt darin auch die Schönheit des Lebens. Gerade dass uns das Leben immer wieder überrascht, ist für ihn das Wunderbare am Leben.
Wenn wir nicht wissen können, was als Nächstes passiert, wird Vertrauen umso wichtiger. Für Osho bedeutet Vertrauen dabei nicht, sicher zu sein, dass alles so kommt, wie wir es uns wünschen. Vielmehr geht es darum, sich auf das Unbekannte einzulassen und darauf zu vertrauen, mit dem umgehen zu können, was uns dort begegnet.
Dazu gehört auch, der eigenen Erfahrung und dem eigenen Gespür zu vertrauen. Denn häufig suchen wir Sicherheit bei anderen und orientieren uns daran, was unser Umfeld für richtig hält. Osho fordert dagegen dazu auf, den eigenen Weg nicht davon abhängig zu machen, ob andere ihn ebenfalls gehen oder für gut heißen.
Mut bedeutet damit auch, auf die eigene innere Stimme zu hören.
Im letzten Teil des Buches wird es praktisch: Auf Oshos Überlegungen zu Angst und Mut folgen verschiedene Meditationen, die dazu einladen, sich auch praktisch mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen.
Dabei geht es unter anderem um die Angst vor innerer Leere, die Auflösung alter Angstmuster, Vertrauen und die Verwandlung von Angst in Liebe.
So bekommt das Thema noch eine weitere Ebene: Mut wird nicht nur zu etwas, über das wir nachdenken, sondern zu etwas, das wir in unserer eigenen Erfahrung erleben können.
Osho war spiritueller Lehrer und Philosoph und verband in seinen Vorträgen Gedanken aus östlicher Spiritualität mit Fragen, die auch heute noch die westliche Psychologie beschäftigen. Seine Bücher entstanden aus der Transkription der Ton- und Videoaufzeichnungen seiner Vorträge und Reden.
Auch das in neuer Auflage erscheinende Werk „Mut“ trägt diese für ihn typische Herangehensweise. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Angst und Freiheit, Zweifel und Vertrauen, Sicherheit und Veränderung – und die Frage, was passiert, wenn wir aufhören, die Ungewissheit des Lebens ausschließlich als etwas Bedrohliches zu betrachten.
Denn wir brauchen nicht für jeden Schritt die Gewissheit, dass er richtig ist. Manchmal braucht es zunächst nur den Mut, ihn überhaupt zu gehen.